Inverted Classroom

Seit einigen Jahren setzen wir am Seminar für Supply Chain Management und Produktion in einigen Veranstaltungen des Master- und des Bachelor-Studiums eine Variante des sogenannten "Inverted Classroom" ein. Damit soll erreicht werden, daß die Studierenden, die an der Veranstaltung teilnehmen, aktiv in das Vorlesungserlebnis einbezogen werden. Bekanntlich ist der Lernerfolg bei aktiver Mitarbeit wesentlich höher als bei passiver Rezeption.

Anders als in einer herkömmlichen "Vorlesung" wird der Lernstoff nicht von einem Hochschullehrer in einer Frontalveranstaltung vorgetragen, wobei die Studierenden eher passive Zuhörer sind. Stattdessen wird wie folgt vorgegangen:

  1. Die teilnehmenden Studierenden bilden Arbeitsgruppen.
  2. Wir stellen den Studierenden einen präzisen Arbeitsplan ("Drehbuch") zur Verfügung, nach dem von Woche zu Woche bzw. Präsenzveranstaltung zu Präsenzveranstaltung der jeweils anstehende Lernstoff erarbeitet wird. Mit diesem Arbeitsplan kann die/der Studierende bzw. die Arbeitsgruppe den früher frontal präsentierten Vorlesungsinhalt rekonstruieren. Dabei durchläuft sie/er die Phasen "Lesen" -> "Verstehen" -> "Reproduzieren" bzw. "Zusammenfassen".
  3. Die früher als begleitende Übung (ebenfalls ehemals eine mehr oder weniger frontale Veranstaltung) wird zu einer begleiteten Selbstlernveranstaltung, für die ein Raum und Termin reserviert sind, zu der der Dozent zur Unterstützung bei offenen Fragen bereit steht, die aber von den Studierenden frei gestaltet werden kann.
  4. Als Ergebnis bereitet jede Arbeitsgruppe ein Präsentations-Dokument des Lernstoffes (in Form einer Powerpoint-Datei oder einer PDF-Datei, o.ä.) vor und sendet diese an uns.
  5. Wir sichten diese Dokumente und stellen aus mehreren Präsentationen ein Programm für die anstehende Präsenzveranstaltung zusammen.
  6. In der Präsenzveranstaltung tragen die ausgewählten Arbeitsgruppen (bzw. die situativ zum Vortrag ausgewählten Studierenden) im Plenum den Stoff anhand ihrer Präsentation vor. Der Dozent moderiert den Vortrag, indem er Ergänzungen macht, auf wichtige Punkte hinweist, Diskussionen initiiert, offene Punkte aus den eingereichten Präsentationen anspricht etc.
  7. Die aktive Teilnahme (Vorbereitung und Vortrag des Lernstoffs) ist freiwillig, wird aber mit einem Bonuspunkte-System honoriert. (Auf Basis des sehr detaillierten Vorlesungsmaterials kann jede/r Studierende den Stoff auch im Selbststudium gut erarbeiten.)

Voraussetzung des Konzepts:

  1. Den Studierenden muß ein akribisch ausgearbeitetes "Drehbuch" mit detaillierten Arbeitsanweisungen zur Verfügung gestellt werden.
  2. Es muß umfangreiches Begleitmaterial bereitgestellt werden, das mittels Cut-and-Paste in das Präsentationsdokument eingebaut werden kann. Wir stellen den Studierenden Lectures Notes, die Fachinformationen auf www.produktion-und-logistik.de, sowie unsere eigenen Präsentationsfolien zur Verfügung, die in der entsprechenden Frontalvorlesung eingesetzt würden (falls es diese noch gäbe). In diesen Dokumenten können die Studierenden sich frei (ohne Zitierzwang) bedienen. Es ist vorteilhaft, wenn es für die Veranstaltung auch ein Lehrbuch gibt, so daß die Studierenden nicht zu viel Zeit mit dem Suchen in vielen Quellen verbringen.
  3. Wegen 1. und 2. erhöht sich der Arbeitsaufwand für die Studierenden nicht. Dies wurde in der Evaluation der Veranstaltung bestätig.

Vorteile des Konzepts:

  1. Da erfahrungsgemäß alle Teilnehmer den jeweiligen Lernstoff vorbereitet haben, ist der aktuelle Vortragsinhalt nicht mehr gänzlich neu (wie früher in der Frontal-Vorlesung), sondern im Detail bekannt.
    Stattdessen hat die Präsenzveranstaltung den Charakter eines Repetitoriums, wobei offene Fragen etc. - angeregt durch die Studierenden bzw. den Dozenten - diskutiert werden können.
  2. Der Lernstoff kann auch die Implementierung von mathematischen Optimierungsmodellen in OPL oder einem anderen Modellierungssystem sowie die Nutzung von MS-Excel o.a. beinhalten. Auf diese Weise wird die Struktur eines Optimierungsmodells oder einer Formel schneller erfaßt.
  3. Durch die aktive Vorbereitung einer Präsentation wird der Lernstoff wesentlich intensiver gelernt und besser verstanden.
  4. Die Qualität der Präsentationen führt beim Dozenten zu Erkenntnissen über Möglichkeiten zur kontinuierlichen Verbesserung der Veranstaltunginhalte.
  5. Punkt 3. hat dazu geführt, daß das Ergebnis der veranstaltung, gemessen an den Klausurergebnissen, im Vergleich zu früher dramatisch besser geworden ist. Dies zeigen unsere Erfahrungen aus den letzten Jahren.

Nachteile des Konzepts:

  • Die aktiv teilnehmenden Studierenden verlieren die Hoheit über ihre Zeit. Während sie früher oft die Erarbeitung des Lernstoffs in eine hektische Phase der Prüfungsvorbereitung unmittelbar vor dem Klausurtermin verschoben haben, wird der Lernstoff jetzt von Termin zu Termin kontinuierlich erarbeitet.
  • Der Dozent muß einen nicht unbeträchtlichen Aufwand für die Zusammenstellung und Aufbereitung des Begleitmaterials und dessen kontinuierliche Aktualisierung betreiben.
  • Der Dozent muß einen erheblichen Aufwand für die Unterstützung der Studierenden bei der Erarbeitung des Stoffes (insbesondere bei der Modellierung von mathematischen Entscheidungsmodellen etc.) betreiben.

Die folgenden Links enthalten Begleitmaterial zur Veranstaltung

  • Modul Supply Chain Management (Supply Chain Management und Produktion)
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Weitere Links folgen.