Sicherheitsbestand - Fehler in der Praxis

In der Praxis findet man häufig folgende fehlerhafte Vorstellungen in Bezug auf den Sicherheitsbestand:

  • Messung des Sicherheitsbestands in der Dimension "Anzahl durchschnittlicher Periodennachfragemengen" (Reichweite).

    Diese Vorstellung, den Sicherheitsbestand so zu messen, stammt aus der Welt der Finanzanalysten (Lagerumschlagshäufigkeit) und hat mit optimaler Bestandsplanung nichts zu tun. Der Sicherheitsbestand hängt vor allem von der Streuung der Nachfragemenge im Risikozeitraum und nicht von ihrem Mittelwert ab. Wenn man nun den Sicherheitsbestand mit einer Reichweitenvorgabe festlegt, dann trifft man höchstens durch Zufall den angestrebten Servicegrad. In 99.9% aller Fälle liegt man aber falsch. Das bedeutet: der Servicegrad wird entweder überschritten oder aber unterschritten. Damit sind entweder die Lagerkosten zu hoch oder der den Kunden angebotene Servicegrad ist zu niedrig. Beides ist unerwünscht und vermeidbar.
  • Angabe des Sicherheitsbestands als ein Vielfaches des mittleren absoluten Abweichung (MAD).

    Die mittlere absolute Abweichung (MAD) wird oft als Ersatz für die Standardabweichung verwendet, da Sie für den Praktiker anschaulicher ist und da sich die MAD für den Fall normalverteilter Nachfrage nur durch einen konstanten Faktor von der Standardabweichung unterscheidet (siehe hierzu: Tempelmeier,H., Dynamische Losgrößenplanung in Supply Chain, Norderstedt(Books on Demand) 2012) . Allerdings wird dieser Zusammenhang oft ungeprüft für alle Produkte - auch für solche mit nicht normalverteilter Nachfragemenge - unterstellt. Insbesondere bei stark schwankendem Bedarf, der z.B. anstelle mit der Normalverteilung besser durch eine Gamma-Verteilung abgebildet wird, führt dies zu erheblichen Fehlern bei der Berechnung des Sicherheitsbestands. Daraus folgt, daß auch hier der angestrebte Servicegrad verfehlt wird.
    Im folgenden Bild wird für zwei Servicegrade gezeigt, welcher Fehler bei der Bestimmung des Sicherheitsbestandes gemacht wird, wenn man diesen wie in der Praxis auf der Basis der mittleren absoluten Abweichung unter der Annahme der Normalverteilung berechnet, aber in Wirklichkeit nicht-normalverteilte Nachfrage vorliegt.

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An der x-Achse ist die Standardabweichung der Periodennachfragemenge abgetragen. Im oberen Bildteil sieht man, daß bei einer hohen Standardabweichung $\sigma=200$ und einem angetrebten $\alpha$-Servicegrad von $\alpha=98$% dieser um ca. 5% unterschritten wird. Im unteren Bildteil sieht man, daß in diesem Fall der Bestellpunkt auf der Basis der mittleren absoluten Abweichung um ca. 350 unterschritten würde. Nähere Details zu diesem Beispiel finden sich in Tempelmeier,H., Supply Chain Management und Produktion, 3. Aufl., Norderstedt(Books on Demand) 2010

Siehe auch ...

Literatur

Günther, H.-O. und Tempelmeier, H. (2016). Produktion und Logistik - Supply Chain and Operations Management. 12. Aufl., Norderstedt: Books on Demand.
Tempelmeier, H. (2015). Bestandsmanagement in Supply Chains (5. Aufl.). Norderstedt: Books on Demand.